The Home Of Cricket!

Hier soll das ‚Home of Cricket‘ liegen?? Ich dachte, hier sei alles irgendwie anders, irgendwie besonders. Doch vorbei an einer Tankstelle und einem etwas heruntergekommenen Krankenhaus geht es zum Lord’s Cricket Ground, dem wohl bekanntestem Cricket-Stadion der Welt. Würden sich mit mir nicht Mitglieder des Marylebone Cricket Club (MCC) – unverwechselbar an ihre rot-gelben Krawatten oder Hutbändern zu erkennen – auf dem Weg zum Stadion befinden, ich würde denken, ich wäre falsch hier…


Wie vor zweieinhalb Jahren in diesem blog geschrieben, stand ein Besuch dieses legendären Stadions ganz oben auf meiner ‚cricket-to-do-Liste‘, daher konnte ich mir New Zealands Tour durch England natürlich nicht entgehen lassen und sicherte mir Tickets für den dritten und vierten Tag des ersten Test Matches zwischen England und Neuseeland. Wie es bei den Briten Tradition ist, wird die Internationale Cricket Saison immer at Lord’s eröffnet, was die Bedeutung des Stadions weiter unterstreicht.

Denn lässt man die Eingangstore und damit die etwas triste Umgebung des Stadions hinter sich, erfasst einen sofort die historische, spezielle Atmosphere von Lord’s. Gegründet 1787 von Thomas Lord, ein Cricketer und gewandter Geschäftsmann, gilt Lord’s Cricket Ground als das geschichtsträchtigste Stadion des Sports. Dies liegt einerseits an den alten, schönen Gebäude aus der Viktorianischen Zeit, die nur so vor Geschichte triefen. Der Pavillon, der 1889 erbaute wurde, ist dabei exemplarische das Aushängeschild des Stadions. Anderseits ist das Stadion auch der Sitz des Maryleblone Cricket Clubs (MCC), der die Rechte an den ‚Laws of Cricket‘ – den Spielregeln des Sports – besitzt. D.h. der MCC entscheidet welche Änderungen am Regelwerk des Cricket-Sports vorgenommen werden können… ‚The home of cricket‘ halt!

SONY DSC

Lord’s Cricket Ground

Besonders an Lords ist auch die Alkohol-Politik! Jeder Zuschauer darf zwei ‚pints‘ Bier oder eine Flache Wein bzw. Sekt(!) mit ins Stadion bringen. Da kein Alkohol vor dem Start des Spiels ausgeschenkt wird, hört man so vor 11 Uhr schon Sektkorken knallen. Gibt es denn das? Eine nach der anderen Sektflasche wird geköpft und die Zuschauer trinken aus selber mitgebrachten Gläsern(!) ihre edlen Tropfen. Den ersten Tag verbringe ich auf dem ‚Grand-Stand’, der Haupttribüne, die durch ein metallisches Dach überdacht ist. Wieso erzähle ich das? Tja, öffnet einer auf der Haupttribüne seine Sektflasche und trifft dabei das Dach von unten, jubelt die ganze Tribüne! „Plob, Bing, Yeeeeaaah“ – Lords ist halt irgendwie anders…

Cricket wird aber auch gespielt! Williamson und Taylor eröffnen den dritten Tag für die Kiwis souverän. Vor allem Williamson erspielt sich schnell sein ‚century‘, die 100 Punkte, die gleichbedeutende mit einer individuellen Auszeichnung sind. Erspielt man sich allerdings 100 Punkte in Lords bringt das noch eine besondere Ehre, eine Eintrag auf dem ‚honours board‘. Das ‚honours board‘ ist eine Holztafel, die in den Umkleidekabinen hängt und auf der jeder Spieler eingraviert wird, der 100 Punkte oder fünf wickets sammelt. In dem wichtigstem Cricket-Stadion und dem ‚home of cricket‘ natürlich eine ganz besondere Ehre.

Der Kiwi-Staff feiert Kane Williamson

Der Kiwi-Staff feiert Kane Williamson

Nach dem Taylor sein wicket verliert, betritt Brendon McCullum die Bühne. Der Kapitän der Neuseeländer hat sich mittlerweile eine großen Ruf im Weltcricket erarbeitet und ist berühmt für seine aggressive Spielweise, sowohl als ‚batsman‘ als auch als Kapitän. Mein Sitznachbar – ein alter Herr mit rot-gelber Krawatte –  klatscht ehrfürchtig als McCullum das Spielfeld betritt. „You watch him mate! He’s a special player, I reckon he’s gone get 200 today“ – flüstert er mir zu und klatscht weiter. ‚Meinetwegen’, denke ich mir.  Doch McCullum startet etwas sedierter als gewohnt, er will sich wohl an die Bedingungen gewöhnen. Mittlerweile ist es sehr bewölk, ein Vorteil für die ‚Bowler‘, da der Ball unter bewölkten Himmel sich eher nach dem Wurf in der Luft bewegt (der sog. ‚swing’) als in der Sonne (fragt mich nicht, wieso). Doch nach 30 Minuten nähert sich McCullum seiner Form.

‚Bäng’ – mit einem sauberen Schlag sammelt er vier Punkte. „You watch him mate!“ – mein Sitznachbar fühlt sich bestätigt. Und ‚Bäng‘, ein Pull McCullums segelt über midwicket in die Tribüne für sechs runs, in Hamburg sind es zu dem Zeitpunkt übrigens noch zwei Stunden bis zum Anpfiff, das erst mal, dass das HSV-Desaster in meinem Kopf herumspukt und dass obwohl ich in diesem wunderbaren Stadion sitze. Wirr! Kurze Zeit später versucht McCullum einen aggressiven Schlag zu viel und wird gekonnt gefangen. Mit seinem Aus kommt auch der Regen über London. Regen beim Cricket ist immer schlecht, denn das heißt, dass das Spiel unterbrochen wird.

Und was macht man at Lord’s, wenn der Regen kommt? Man holt sich einen (oder zwei!?!) Gin Tonic und lauscht einer Alt-Herren-Jazz-Combo, die vor dem alt-ehrwürdigen Pavillon trotz strömenden Regens eine ganze Menge von Zuhörern anlockt. Ansonsten vibriert das Stadion auch, wenn 1 1/2 Stunden aufgrund des Regens kein Spiel stattfinden kann. Ein Großteil der Zuschauer störmt zu den Bars, Essenständen, Souvenirs oder halt zur musikalischen Untermalung. Langweilig wird es hier auf jeden Fall nicht!

SONY DSC

Jazz-Combo

Um 14:45 Uhr – 15 Minuten nach dem Anpfiff in Hamburg – wird das Match in London wieder gestartet. New Zealand tut sich schwer, flüssig Punkte zu sammeln und das Duo um Williamson und Watling probieren, die Kiwis wieder zu stabilisieren. So plätschert das Spiel ein wenig vor sich hin, während sich in meinem Ohr über die Bundesliga-Radio-Konferenz dramatische Ereignisse zusammenbrauen. Paderborn führt, 96 führt, nur der HSV krebst noch vor sich hin.

Eine Dreiviertel Stunde später – mein Sitznachbar schläft mittlerweile – schreit auf einmal Alexander Bleick „Tor in Hamburg! Olic macht’s!“ in mein Ohr. Vor meinen Augen blockt Williamson gebetsmühlenartig den nächsten Wurf. Keine fliegenden Sektkorken? Ich fühle mich eigentlich nach lautem Jubel, entscheide mich aber für die leise Variante, mein Nachbar hält ja gerade seinen wohlverdienten Mittagsschlaf. Schon eine etwas surreale Situation.

Während Stuttgart mittlerweile führt, akkumulieren Williamson und Watling sehr stetig und bringen die Kiwis in eine gute Ausgangsposition, bis Williamson auf etwas unglückliche Weise gehen muss. Ganz Lord’s erhebt sich, um den jungen Neuseeländer gebührend zu verabschieden. So ist das beim Cricket, da Fairness ein so hohes Gut ist, wird auch jede gelungene Aktion des Gegners beklatscht. Während also das ganze Stadion Williamson die Ehre erweist, fällt in Hannover das 2:0. Das passt ganz gut, ich kann etwas lauert klatschen, fällt nicht auf!!

Aber zurück zum Cricket: Kane Williamson hat sich innerhalb der letzten 12 Monate neben McCullum zu dem bestimmen Spieler der Black Caps, aber auch zu einem überragenden Spieler im Weltcricket entwickelt. In den letzten zwei Jahren sammelt er im Durchschnitt unglaubliche 80 Runs pro Inning und erzielte dabei starke sieben centurys. Daher gibt es nicht wenige die dem Jahrhunderttalent zutrauen, ein ganz Großer des Sports – einer der ‚modern greats‘ – zu werden. Ausgestattet mit einem starken ‚backfoot-game’, einem überragenden Defensiv-Spiel und Angriffsschlägen, die alle Winkel des Spielfelds abdecken können, ist er technisch fast perfekt. Vor allem da er den Ball immer unter seinen Augen spielt, den Wurf also relativ spät schlägt, verteidigt er sein ‚wicket’ sehr stark. Es wird sich lohnen, ihn weiter zu beobachten.

Nachdem Williamson raus ist, schaffen es die Poms das Inning der Kiwis trotz verstärkter Gegenwehr von Watling relativ schnell zu beenden. Dies ist allerdings gleichbedeutet das die Engländer wieder schlagen müssen. Gegen Southee, Boult und Co keine angenehme Aufgabe und so endet der Tag mit dem HSV in der Relegation und England auf 74 for 2, immer noch 60 runs hinter New Zealand. Eine gute Ausgangsposition für den nächsten Tag und die weiteren Verlauf des Spiels.

Ich bin begeistert von meinem ersten Tag at Lord’s, doch ist der Abend noch nicht zu Ende. Ein besonderer Geburtstag steht noch an. Eric Clapton lädt ein in die Royal Albert Hall zu seinem 70. Geburtstag. Sieben Konzerte am Stück gibt der ‚alte Mann‘ und sein Konzert am Samstag ist das letzte dieser Reihe, welches ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Von Lord’s also direkt in die Royal Albert Hall, von einem Tempel in den nächsten, nur die Sportart ändert sich.

SONY DSC

Vor der Royal Albert Hall

Die 1871 eröffnete Albert Hall ist berühmt für ihre legendären Konzert der vielen Musikgrößen. Allein Clapton hat hier über 200 Mal gespielt. Ich sitze weit oben, aber doch direkt vor der Bühne. Die Akustik des Konzerthauses ist phänomenal, genau wie die Atmosphäre die Gänsehaut transportiert. Auch das Konzert ist großartig, Clapton kann es noch und die Version, die er von Layla spielt, ist die Beste, die ich bisher hören durfte. Auch die akustische Version von ‚Rock Me Baby‘ in Gedenken an den kürzlich verstorbene B.B. King gefällt. Dennoch lässt sich das Publikum eher unterhalten, es gibt nur wenige die sich bewegen oder mitwippen, der Großteil der Zuschauer sitzt und lässt den großen Mann machen. Es dauert bis ‚Cocain‘ angespielt wird und sich die Royal Albert Hall geschlossen erhebt. Jetzt feiern die Zuschauer diesen großen Musiker. Ich dachte, das hätte er früher verdient, genieße dennoch dieses großartige Konzert, mit dem ein besonderer Tag in London zu Ende geht.

Clapton in Aktion

Clapton in Aktion

Ben Stokes sollte aber am nächsten Tag noch etwas für mich aufgespart haben. Nach dem New Zealand at Lord’s in einer starken Ausgangsposition den vierten und vorletzten Tag des Test Matches startet, kämpft sich England zurück ins Spiel. Angeführt vom oft kritisierten Kapitän Cook, dessen wicket die Kiwis über den gesamten Tag nicht einsammeln können, und seinen 150 runs, erarbeitet sich England wieder eine Führung im Spiel. Doch der junge Yorkeshire-Mann Stokes sollte seinen Kapitän noch in den Schatten stellen. Nach einem etwas langsameren Start, zündet Stokes den Turbo. Bäng Six! Bäng Six! Bäng Four! In einem over von Southee erzielt Stokes 20 runs und fliegt zu 100 runs von nur 85 geworfenen Bällen. Dem schnellsten century in diesem Stadion überhaupt. Also erlebe ich auch noch eine wenig Geschichte in diesem geschichtsträchtigen Stadion.

SONY DSC

The Ashes – Das Original!

Diese gibt es aber auch im ältesten Sports Museum der Welt hinter dem altehrwürdigen Pavillon zu bestaunen. Eine Besuch der beeindruckende Sammlung historischer Dokumente, Bilder und allem was irgendwie mit Cricket zu tun hat, ist natürlich ein Muss beim Besuch von Lord’s. Zur Zeit stellt das Museum die original Urne – The Ashes – aus. Ein prestigeträchtiger Preis um den sich England und Australien alle zwei Jahre streiten. Im Cricket natürlich!

Diesen Tag verbringe ich im Edrich-Stand und befinde mich daher mehr auf der Höhe des Spielfelds, doch auch hier gehört der Sekt zur Standardausrüstung der Zuschauer. Je länger der Tag dauert, desto mehr Sekt und Erdbeeren werden konsumiert und desto besser wird die Stimmung. So macht es auch nichts, dass das Spiel ein wenig vor sich hinplätschert. Dem englischen Cricket-Team ist es egal, da sie sich Schritt für Schritt eine richtig starke Ausgangsposition für den letzten Tag erarbeiten. Da auf dem Feld eher weniger passiert, beschäftigt sich das angeheiterte Publikum lieber mit einem Security-Mann, der am Rande des Spielfelds sitzt. Auch das ist halt Test-Cricket: ‚Cause, when a cricket-fan gets bored, they sing for the security guys…‘ und so ist es dann doch auch at Lord’s!!

Sektkorken vor dem Edrich-Stand

Sektkorken vor dem Edrich-Stand

P.S.: Während ich das hier schreibe, spiele die Engländer die Kiwis gerade an die Wand. Noch fünf wickets fehlen den poms, um das Spiel für sich zu entscheiden. Bitter! Hoffen wir mal, dass durch Watling noch mit einem draw von Lord’s entfliehen können! Go the Black Caps!

SONY DSC

Go The Black Caps!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s