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Geschlagene drei Tagen lag ich nun auf einem Grasswall im Cricket-Stadion von Galle und verfolgte ein Spiel für sechs Stunden am Tag. Obwohl NZ am Ende deutlich verlor, war es einfach nur wunderbar! Denn nach sechs spannenden Wochen in Südostasien bin ich zurück in Sri Lanka und zurück bei meiner Leidenschaft. Das schöne daran ist, dass es diesmal kein crash-boom-bang-whallop, hit’n’miss T20 Cricket ist, sondern diesmal die ultimative Form von Cricket gespielt wird. Test Match Cricket! Diese Spielform, die bis zu fünf Tage dauern kann, fasziniert und begeistert mich am meisten und das immer wieder. Lest hier, wieso.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich während der sechs Wochen in Asien den Motor dieser Reise so gut wie vergessen hatte. Natürlich lag das daran, dass ich die vielen neuen Erfahrungen und beeindruckenden Landschaften bzw. Sehenswürdigkeiten erstmal verarbeiten musste und so der Sport in den Hintergrund rückte. Auch war es gut, mehr Zeit in Asien zu verbringen, um mehr sehen zu können, obwohl dies hieß die ersten Spiele zwischen NZ und Sri Lanka zu verpassen. Doch ein Großteil der Aufeinandertreffen wurde aufgrund von monsumartigen Regen eh abgesagt und die restlichen Spiele verlor NZ eher klar. Also alles richtig gemacht.

Doch nach sechs Wochen ‚cricket-freier‘ Zeit geh ich jetzt mit neuem Elan meiner Begeisterung nach und freute mich riesig das erste Test Match zwischen den Kiwis und Sri Lanka in Galle verfolgen zu können. Vor allem auch, weil Galle ein ganz besonderer, historisch gewachsener Cricket-ground ist, der vom indischen Ozean umschlungen im Schatten der riesigen Festung von Galle liegt. Hier ein Test-Match zu sehen ist etwas ganz besonderes für mich.
 

Doch was gefällt mir so an dieser Spielform? Dazu sind wahrscheinlich erstmal ein paar grobe Erklärungen nötig. Test Cricket ist die älteste Spielform von Cricket – 1877 wurde das erste offizielle Spiel zwischen England und Australien ausgetragen – und geht (meist) über fünf Tage. Jeder Tag wird in drei Session a zwei Stunden unterteilt, die von einer ‚lunch‘-Pause (40 Minuten) und einem ‚tea break‘ (20 Minuten) unterbrochen werden. Grob zusammengefasst dürfen beide Teams in den fünf Tagen zweimal probieren so viele Punkte (Runs) wie möglich zu erzielen. Das Team mit der höheren Anzahl von Punkten gewinnt aber nur dann, wenn es auch alle 20 (2×10) wickets des anderen Team eingesammelt hat. D.h. alle batsman des andere Teams müssen zweimal rausgeworfen werden. Das hat zur folge, dass manchmal sogar die fünf Tage nicht reichen um ein Spiel zu entscheiden. Dieses Spiel endet dann in einem sogenannten Draw. Wie ihr merkt, wird es nun etwas kompliziert. Wer dennoch weiter in die Dimensionen von Test Cricket einsteigen will, kann hier mal reingucken.

Zurück zur Faszination am Test Cricket: Während Sportarten wie Fußball oder Handball sehr anstrengt und kraftraubend für den Körper sein können und die Ausdauer der Spieler eine große Rolle spielt, so ist Test Cricket auf eine ganz andere, eigene Weise anstrengend und kraftraubend, und das für den Körper, aber auch vor allem für den Kopf. Ausdauer, Geduld und ganz speziellen Cricket-Fähigkeiten müssen über einen extrem langen Zeitraum abgerufen werden und jeder Spieler wird durch das Spiel getestet (daher übrigens der Name), ob er diese Eigenschaften aufbringen kann.

Vor allem Geduld spielt eine große Rolle beim Test Cricket. Dadurch, dass die Spieldauer so lange ist, gibt es fast keine Zeitdruck. Die Schlagmänner können mit viel Geduld und viel Konzentration so lange ihr wicket verteidigen, bis ein Werfer ihnen einen schlechten Wurf präsentiert, von dem sie mit einem guten Schlag Punkte einsammeln können. Das hat zur Folge, dass nicht versucht wird von jedem Wurf Runs zu erzielen. Es wird wesentlich exakter und dadurch auch wesentlich ästhetischer als in den anderen Spielformen gespielt – ein Punkt der mir besonders gut am Test Cricket gefällt. Ein perfekt verteidigter Ball oder ein wunderbarer Schlag, nachdem der Spieler die Pose für einige Sekunden für die Fotografen hälten, sind einfach nur traumhaft anzusehen. Über einen ähnlichen Aspekt von Sport hat Ed Smith übrigens einen tollen Artikel geschrieben, der sich nicht nur mit Cricket beschäftigt. Vielleicht interessiert der auch ja.

Ein weiterer Punkt der an Test Cricket fasziniert ist die Intensität. Für Zuschauer, die Cricket nicht verstehen, mag es so aussehen als passiere so gut wie gar nichts während des Spiels. Für Cricket-Enthusiasten gibt es viele kleine Geschichten, die sich im Laufe des Spiels entwickeln. Ein Zweikampf zwischen einem bowler und einem batsman kann sich über Stunden erstrecken und Konzentration, Wille und den ‚fighting spirit‘, den die Spieler dabei aufbringen, beeindrucken immer wieder. Und auch wenn das Spiel sehr langsam erscheint, spielt Fitness ein große Rolle. Für fünf Tage ein Spiel unter oft extremen Bedingungen (hier in Galle z.B. ca. 30 Grad und pralle Sonne) zu bestreiten, ist schon überaus anstrengend. Batsman die dabei zum Teil bis zu zehn Stunden (über zwei Tage hinweg) ihr wicket verteidigen (wie gerade Alaistar Cook, der Kapitän der Engländer in Ahmedabad, Indien) erleiden dabei oft Krämpfe, Dehydration und spüren sicherlich jeden Muskel am Tag danach.
 

Ein letzter Aspekt (meiner Meinung nach gibt es noch unzählige weitere, aber ich bin ja auch besessen…) ist noch, dass ein Spiel wunderbar hin-und-her wogen kann. Stellt euch ein Fußballspiel zwischen Barcelona und Real Madrid vor, das über 5×90 Minuten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen geht. Die ersten 90 Minuten gewinnt Barca vielleicht klar mit 3:1, aber in den zweiten 90 Minuten am zweiten Tag erwischen die Blaugranas einen schwarzen Nachmittag und verlieren 1:4. Insgesamt steht es also 4:5, aber es sind noch dreimal 90 Minuten zu spielen und es kann noch soviel passieren. Genauso ist Test Cricket. Vor allem wenn man denkt, dass ein Team jetzt komplett dominiert und den Sieg einfährt, gibt es meist noch eine überraschende Wendung, einen sogenannten ‚twist in the tail‘ und das ganze Spiel schwingt noch in eine komplett andere Richtung.

So auch übrigens bei diesem Test Match in Galle. NZ war am Ende des zweiten Tages eigentlich in einer dominanten Position und hätte durch ein guten dritten Tag das Spiel an sich reißen können. Aber leider weitgefehlt. Die Black Caps erwischten einen rabenschwarzen dritten Tag und gingen sang und klanglos unter, so dass die Sri Lankis das Match heute schon für sich entscheiden konnten und somit der vierte und fünfte Tag gar nicht mehr gebraucht wurden. Aus Kiwi-Sicht ein mehr als frustrierender Tag, doch leider schafft es NZ immer wieder aus einer sehr aussichtsreichen Situation ein Spiel noch zu vergeigen.

Ich verfolgte die drei Tage des Spiels zusammen mit Paul, einem Cricket-Fanatic aus NZ, der in den letzten 16 Monaten über hundert Tage live bei Cricketspielen verbracht hat – ja, es gibt noch wahnsinnigere Menschen als mich. Als ich mich mit Moritz vorstellte und er sagt: ‚Ah Moritz, the German, read your article on cricinfo!‘, war ich natürlich erstmal sehr erstaunt. Doch durch unsere Leidenschaft für Cricket waren wir schnell auf einer Wellenlänge. Da wir beiden mit Fahne und Trikot die einzigen wirklichen NZ-Supporter waren, waren wir öfter auf der großen Leinwand im Stadion (und damit wohl auch im TV) zu sehen und wurden von NZ-Spielern und Funktionären jeden Tag nett begrüßt. Die letzte Stunde des Tages verfolgten wir das Spiel immer von der massiven Befestigungsmauer des Galle-Forts, von der man mit der untergehenden Sonne und dem Meer im Rücken einen traumhaften Blick auf das Spielfeld hatte. Ich weiß nicht, ob ich so schnell einen schöneren Ort zum Cricketgucken finden werde. Allerdings hoffe ich auf bald positivere Ergebnisse der Black Caps…

P.S.: In Zukunft werde ich wieder probieren die Artikel etwas kürzer zu halten, damit ihr nicht einen halben Tag verschwenden müsste, um euch durch einen Bericht zu wälzen. Aber um das Erlebnis ‚Test Cricket‘, das für mich der entscheidende Faktor dieser Reise ist, zu beschreiben, musste ich etwas weiter ausholen… Danke fürs Lesen und bis bald!

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