San Miguel

Ich sitze in einem Restaurant in Muang Noi Neua und trinken mit einem älteren Amerikaner und seinem belgischen Freund – beide leben in Venezuela – ein Bier. Ich frage, wie ihre weitere Reiseroute aussieht. Beide wollen nach Vietnam. Der Amerikaner sagt, dass er noch nie in Vietnam war, er hatte mal die Chance dazu, hat sich aber dagegen entschieden. Und für zwei Stunden folgt eine Geschichte, die Hollywood nicht besser erzählen kann…

Wir schreiben das Jahr 1969. In Vietnam herrscht Krieg und es sollen noch ca. fünf Jahre vergehen bis sich die USA geschlagen zurückzieht. Im Norden von Minnesota beendet Michael gerade die Highschool und verdient sich ein Zubrot durch den Transport von Fischern, die er mit einem kleinen Wasserflugzeug nach Kanada und zurückfliegt.

Michael hofft aufs College zu gehen, um so der Rekrutierung und dem Krieg in Vietnam zu entgehen. Doch daraus wird nichts! Seine Eltern eröffnen ihm, dass sie sich kein weiteres Kind auf dem College leisten können. Es sei schon schwer genug die Collegeausbildung seiner drei Geschwister zu finanzieren. Stattdessen schenken sie ihm zum Highschool-Abschluss einen Samsonite Koffer.
„Was soll ich mit einem ‚fuckin‘ Koffer“, protestiert er, „kann ich nicht einen Backpack haben?“

Er marschiert zum Laden, tauscht zur Verwunderung seiner Eltern den Koffer gegen einem neuen Backpack ein und fasst einen Plan. Der Vietnamkrieg wird ohne ihn stattfinden. Er verabschiedet sich von seinen Eltern und zusammen mit einem Freund macht er sich 1970 auf über die Grenze nach Mexiko. Aus Michael wird Miguel!

Gemeinsam schlagen sie sich durch Mittelamerika, bis sein Freund in Costa Rica hängenbleibt. Er bewegt sich weiter nach Süden. Im Norden von Kolumbien findet er ein kleines Stück Land, das er selber bewirtschaften kann. Seine eigene Farm, das Leben ist nicht schlecht und die Frauen wunderschön. Sein Verhältnis zu den Einheimischen ist gut, der Gringo wird akzeptiert und oft sitzt man gesellig zusammen. Er erzählt von den USA, von Minnesota und dass er seitdem er 13 Jahre alt ist ein kleines Wasserflugzeug fliegen kann und so oft Fischer nach Kanada und zurücktransportiert hat. Ein Einheimischer fragt ihn, ob er nicht mal wieder Lust hätte zu fliegen. Er kenne da jemanden, der ein kleines Privatflugzeug habe. Natürlich willigt Miguel ein und eins kommt zum anderen. Eh Miguel sich versieht ist er Kurierflieger für ein kolumbianisches Drogenkartell. Er steuert vorgelagerte Inseln an, transportiert Stoff nach Panama und Mittelamerika. Es geht in alle Richtungen und immer knapp über den Baumwipfeln unter der Radargrenze. Das Leben wird noch besser, er verdient gutes Geld ohne großes Risiko und die Frauen sind wunderschön.

So geht das mehr als drei Jahre. Miguel lebt auf seiner Farm in Kolumbien und fliegt ab und an ein kleines Flugzeug unter dem Radar über die Grenze. Doch irgendwann muss es ja schief gehen.
Er soll mal wieder einen kurzen Flug nach Panama machen. Aus einem Laster wird Kiste um Kiste in sein Flugzeug geladen. Er protestiert, die Ladung sei zu schwer und die Startbahn zu kurz dafür. Doch mit Mitarbeitern eines Kartells zu diskutieren macht meist wenig Sinn.
„Wir bezahlen dich, um zu fliegen. Also flieg!“
„Es geht mir nicht ums Geld! Ich kann so nicht starten.“
„Du fliegst jetzt!“

Zähneknirschend steigt Miguel ins Flugzeug. Er nimmt Anlauf, das Flugzeug steigt nur langsam und das Ende der Schotter-Startbahn kommt immer näher. Auf einmal taucht am Ende der Rollbahn ein Polizei-LKW auf. Miguel probiert schneller zu steigen. Es gelingt ihm nicht. Das Fahrwerk des Flugzeugs bleibt am LKW hängen und reißt ab. Miguel und das Flugzeug sausen in den Dschungel hinter der Startbahn.

Mit Unmengen von Drogen greift ihn die kolumbianische Polizei auf. Er kommt vor Gericht und sieben Jahre in den Knast. In einen kolumbianischen Knast. Es sei nicht die schlechteste Zeit seines Lebens gewesen, erzählt Miguel weiter. Das Kartell sorgte für ihn im Knast. Er hatte eine Einzelzelle, zweimal gutes Essen am Tag, Drogen, freien Zugang zum Fernsehen und Büchern und sogar eine eigene Hängematte im Innenhof. Aber keine wunderschönen Frauen. Nach drei Jahren will er raus.

Miguel plant seine Flucht. Er hat Kontakt mit Freunden die draußen sind, die wollen helfen. Miguel bezahlt ein paar Mithäftlinge mit Geld und Drogen, damit sie im Innenhof ein Schlägerei anfangen. Die Wärter sind abgelenkt, probieren den Streit zu schlichten und Miguel klettert über verschiedene Wasserleitungen bis auf das Dach. Er hangelt sich entlang einer Regenrinne und springt dann in den Vorgarten eines benachbarten Hauses. Vorbei an einem geschockten, älteren Ehepaar, das wild auf die Haustür deutet, stürmt er durch das Haus zum Ausgang. Mehrere hundert Meter entfernt warten seine Freunde mit einem Auto. Miguel springt in den Kofferraum und sie brausen davon.

Bis nach Quito in Ecuador geht die Reise, hauptsächlich liegt Miguel im Kofferraum. In Ecuadors Hauptstadt laden sie ihn aus. Ohne Pass, ohne Geld, ohne Alles. Er geht zur amerikanischen Botschaft. Dort erzählt er, dass er von der FARC in Kolumbien entführt worden sei, ihm alles abgenommen wurde, er aber fliehen konnte und jetzt hier sei. „I want to go home!“, so Miguel.
Dass er jahrelang für ein kolumbianisches Drogenkartell Transportflüge gemacht hat, verschweigt er. „Das wollte sie wohl eher nicht hören“, sagt er.
Die Botschaft gibt ihm 150$, bezahlt ein Hotel und kümmert sich um einen vorläufigen Pass. Miguel geht es gut.

Während Miguel so erzählt, nickt sein belgischer Freund mehrere Male ein. Er scheint die Geschichte schon oft gehört zu haben. Zu oft! Ich empfinde den 61-jährigen Amerikaner als beste Unterhaltung. Besser als jeder Kinofilm, selbst wenn nur die Hälfte oder auch gar nichts von seiner Lebensgeschichte wahr sein sollte.

Mittlerweile betreibt Miguel mit seiner Frau eine Guesthouse in Venezuela.
Falls ich mal durch Venezuela reisen sollte, sollte ich doch mal vorbeikommen, sagt er, gibt mir seine Visitenkarte und steht auf. Der Belgier, der ein Restaurant in der Nähe von Miguels Guesthouse betreibt, erwacht. Er habe viele Freunde in Hamburg und ich sollte doch auch mal vorbeikommen und könnte auch für ein Jahr in seinem Restaurant kellnern. Er würde gern Europäer anstellen. Auch er gibt mir seine Visitenkarte und beide entschwinden in die Nacht.

Ich bestell mir noch ein Beer Lao, um das ganze zu verdauen….

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5 Gedanken zu „San Miguel

  1. oasis

    mann, du hast ja freunde! wolltest du nicht immer schon saftschubse werden…? escuché que las chicas en venzuela están super bonitas , he, así que piénsalo bien 😉

    Antwort
  2. Sabine

    Hi Moritz,
    wir verfolgen in der Heimat deine Berichte und Oma ist immer ganz aufgeregt und fragt nach neuen Berichten und Bildern von dir.
    Dein letzter liest sich ja wiklich wie ein Bestsellerroman, toll was du alles erlebst. Hört sich an als wenn du verlängerst ;)!!!!
    So, jetzt zum heutigen Tag, wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag, drücken dich ganz fest und hoffen , dass du heute ein nettes Plätzchen mit netten Leuten findest und es ordentlich krachen läßt.
    Viele Grüße aus dem kalten, nassen Deutschland
    Sabine, Helli und Oma

    Antwort
  3. matrikelkort greve

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    Antwort

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